Schuld ist Jack Kerouac


Schuld ist Jack Kerouac. An allem. Er hat mich glauben gemacht, dass es Freiheit gibt und der Westen golden ist. Er hat mich glauben gemacht, dass die gesundheitlichen Beeinträchtigungen, die durch Trinken, Drogenkonsum und Schlaflosigkeit hervorgerufen werden, keine größere Rolle spielen. Er hat mich glauben gemacht, dass alles nichts und darum auch nichts alles ist und dass man gut aussehen kann, wenn man sich bei der Wohlfahrt einkleidet. Außerdem ist er für mein gespaltenes Männerbild verantwortlich.
Als ich, damals 15-jährig mit ihm durch Amerika jagte, gierig, lichterloh brennend, so, wie er es gewollt hätte, da verliebte ich mich in ihn, in diesen wunderbaren Mann, der Worte von so unendlicher Schönheit ausspie, dass ich mich nicht mehr zu lassen wusste - ich verliebte mich in dieses schwache menschen- und drogenabhängige, leise wimmernde Muttersöhnchen. Hemmungslos und leider für immer. Denn seitdem suche ich ihn.
Seine Worte trieben mir die Tränen in die Augen, die Sehnsucht in den Bauch und die Gier ins Herz. Ich war nicht mehr dieselbe, ging verloren an den ewigen Traum nach grenzenloser Freiheit und selbst Janis Joplin, die mir ihr „freedom is just another word for nothing left to lose“ ins Ohr brüllte, konnte nichts mehr retten. Außerdem hörte die sich selbst nicht zu. Sie wurde nicht alt.
Jack ist auch schon lange tot, hat sich todgesoffen und immer gut ausgesehen dabei. Selbst wenn er das live und vor Kameras tat, lallte und weinte oder sich zu seiner großen, seiner wahren, seiner einzigen Liebe - zu seiner Mutter bekannte.
Manchen tut gar nichts irgendeinen Abbruch. Nicht einmal die Sache, als er nach einem Interview vom Stuhl rutschte und sabbernd aus dem Studio getragen werden musste, ließ mich an meiner Liebe zu ihm zweifeln. Im Gegenteil. Ich hätte mit ihm gesoffen und geweint und ihm den Kopf gehalten, wenn er wieder einmal erbrach, den konsumierten Alkohol gegen die Hauswände oder die nicht enden wollenden Ströme voller Liebe aufs Papier.
Aber ich war noch gar nicht geboren. Ich weiß nicht einmal, ob meine Eltern sich damals überhaupt schon kannten. Doch das spielt eigentlich keine Rolle. Seinem Schicksal kann man nicht entgehen - ich wurde geboren Jack zu lieben, ihn zu suchen, zumindest das Leben, von dem seine Worte kündeten und einen passenden Mann dazu, wenn schon nicht ihn selbst.
Niemals zweifelte ich, obwohl es mich hätte stutzig machen können, dass er die sieben Jahre, die er „on the road“ war, in nur drei Wochen niederschrieb. Es musste gewisse Tage, Wochen, vielleicht sogar Monate geben, die dabei auf der Strecke blieben. Und vielleicht hätten deren Geschichten mich retten können. Doch die hatte niemand aufgeschrieben, zumindest nicht ein ewig betrunkener, lässig grinsender ... nicht dieser Mann, mit diesem Mund, diesen Augen und diesen Worten im von Drogen zerfressenen Gehirn.

Ich war im Westen, – ich war auch im Norden und im Süden, im Osten war ich nicht extra, denn da komme ich her, doch das tut letztendlich nichts zur Sache, - ich habe die Sonne über dem Pazifik untergehen sehen, ich saß auf einsamen Wipfeln im eisigen Wind und hörte den Adler schreien, ich habe mit verschiedenen Tränken, Tropfen, Pilzen und Pülverchen herumexperimentiert, ich wäre sogar einmal beinahe mit meiner besten Freundin in einem alten VW-Bus quer durch Amerika gefahren, von San Franzisko an die Ostküste, wenn der Bus nicht liegengeblieben wäre und ich nicht vor lauter „nicht wissen was tun“ einen, der gerade vorbeikam, geheiratet hätte. Das war jedoch nicht weiter schlimm. Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn wir in New York hätten starten wollen. Aber so waren wir ja schon da im goldenen Westen und eigentlich schon am Ziel. Die Ehe hielt nicht lang. Und nicht nur diese nicht.
Die Schlüsselreize, das besoffen, lässige Grinsen, die glänzenden Augen, die verwirrend schönen Worte und Küsse, die nach Alkohol und Zigaretten schmecken, ein kindlich verzagtes Wimmern unter der männlichen Fassade, das Fliegen durch Zeiten und Räume, die Unruhe, die Musik, der Takt, das ewig Brennende - sie machen mich liebend, machen mich rasend, verwandeln mich in Hingabe, in zerfließendes Sein und lassen mich letztendlich als verstörtes, zerstörtes und gestörtes Etwas zurück. Jedes Mal. Hätte mir jeder schon vorher sagen können, manche tun das auch, in vorderster Reihe meine Eltern. Das ich auf diese Kassandra-Rufe nicht achte, ist selbstredend.

Einmal, als es wieder ganz schlimm war und ich meine Schluchzer durch das Telefon schickte, während mir die Tränen die Oberschenkel nässten, da sagte ich meiner Mutter, wilde Entschlossenheit im Ton, dass es jetzt Zeit wäre, Zeit für den Mann mit der geregelten Arbeit, einer, der morgens aus dem Haus geht und des Nachmittags erst wiederkommt, die Wasserkästen in die Wohnung schleppend, einer, der auch am Ende des Monats noch die Bio-Wurst bezahlen kann, der den Kindern bei den Schulaufgaben hilft und sonntags mit ihnen durch den Wald spaziert, einer, der leise spricht und das auch nicht oft. Wir mussten beide lachen und damit war das Thema erledigt.
Doch ich bin verwirrt, manchmal verzweifelt, meist jedoch einfach nur ratlos. Wie konnte das passieren? Wie kann das immer noch sein? Und: Wo ist er? Überhaupt: Wieso lebe ich in der Stadt, in der ich lebe? Eine Prüfung, ein Scherz, eine kindische Laune des Schicksals?
Manchmal bin ich wütend, dass Jack schon tot ist, denn dieser Umstand nimmt mir die Möglichkeit, ihm mehr oder weniger überraschend in Tanger über den Weg zu laufen.
Ich bin nicht so oft in Tanger. Aber hätte ich ihn dort mal treffen dürfen, ich wäre auf ihn zugerannt, wäre atemlos vor ihm stehen geblieben, ich hätte ihm mit zitternder Hand die Locke aus dem Gesicht geschoben und den Sabber aus dem Mundwinkel getupft, ganz sicher hätten mir jegliche Worte gefehlt, aber nicht die Kraft, Schwung zu holen und diesem Mistkerl kräftig vor das Schienbein zu treten.

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