Eine herausgestrichene Episode – Die Schafbeerdigung


Eine aus meinem Kinderbuch "Julia und die Stadtteilritter" herausgestrichene Episode. Sie war dem Verlag zu eklig, :)

(Julia erzählt):

(...)
„Hat schon jemand eine Idee, was wir machen können?“, beginne ich unsere Projektarbeit und schlage die erste Seite des Heftes auf.
„Im Bach liegt ein totes Schaf“, sagt Alexander.
Wir gucken ihn völlig perplex an. Hinter Rudis Kiosk ist eine Gegend mit lauter Einfamilienhäusern, dahinter liegt eine Kleingartenkolonie und dahinter schlängelt sich der Bach. Und da drin liegt also ein totes Schaf.
„Ja und?“, fragt Mike.
„Das muss da raus und ordentlich beerdigt werden“, erklärt Alexander.
„Na ja“, murmle ich enttäuscht. So hatte ich mir die Aufgaben unserer Bande eigentlich nicht vorgestellt.
„Die anderen lachen uns doch aus, wenn wir das später in der Schule erzählen“, befürchtet auch Ingo.
Aber Alexander lässt sich nicht beirren.
„Denkt doch mal nach“, sagt er. „Der Bach endet im Ententeich im Park und da spielen die kleinen Kinder. Wenn nun das Schaf weiter vor sich hinfault, dann gibt es bestimmt bald ein paar kranke Kinder, weil das Wasser voller Bakterien ist.“
Plötzlich kommt uns die Idee gar nicht mehr so doof vor. Eigentlich ist sie sogar richtig klasse. Ich schreibe sie unter Aufgabe 1 ins Heft.

Aufgabe 1: Schaf im Bach beerdigen
(...)
Wir verabreden, uns morgen zur selben Zeit hier am Kiosk zu treffen. Mit Fahrrädern, in alten Klamotten und mit Schippen ausgestattet. Denn morgen werden wir ein totes Schaf beerdigen.


(Paul erzählt)
Schafbeerdigung

(...)
Am Nachmittag fahren wir mit den Rädern zum toten Schaf. Alexander und ich haben Klappspaten dabei und Mike einen großen Rucksack, in dem wer weiß was steckt.
Dann stehen wir im knöcheltiefen Bach um das tote Tier herum und wissen nicht, wie wir am besten anfangen sollen. Dieses tote Schaf ist viel größer als ich gedacht hatte.
„So ein Schaf ist ganz schön groß.“
„Quasi riesig.“
„Monstermäßig.“
„Besonders, wenn es tot im Bach liegt.“
„Es ist auch schon ganz aufgebläht.“
„Wie das wohl hierher gekommen ist?“
„Wieso ist es hier überhaupt ertrunken? Der Bach ist doch ganz flach.“
„Vielleicht ist es ja gar nicht ertrunken, sondern ermordet worden.“
Wir müssen ein bisschen kichern.
„Als erstes brauchen wir Stöcke, um das Schaf aus dem Wasser zu heben“, sagt Alexander.
Wir schwärmen aus und suchen ein paar starke Äste unter den umstehenden Bäumen. Dann stellen wir uns wieder im Bach um das tote Tier herum auf.
„Jetzt alle die Stöcke unter das Schaf stecken“, gibt Alexander weitere Anweisungen. Vorsichtig schieben wir die Stöcke unter das nasse schmutzige Fell. Dabei versuchen wir, nicht in das tote Vieh hinein zu piecksen. Julia und Mike sehen so aus, als sei ihnen ein bisschen schlecht.
„Also, auf drei ... eins – zwei – drei – heben, alle!“, ruft Alexander.
Wir heben das Schaf ein kleines Stückchen an - dann knackt es und das riesige, schwere Vieh plumpst zurück ins Wasser.
„Mein Stock ist abgebrochen“, sagt Mike.
„Meiner auch“, sagt Ingo und hält sein kurzes Stockende hoch. Als ob er beweisen will, dass er die Wahrheit sagt.
„Nehmt stattdessen die Spaten“, bestimmt Alexander.
Dann stehen wir wieder bereit.
„Das ist so eklig“, flüstert Julia. Das Gleiche hatte ich auch gerade gedacht.
„Eins – zwei – drei – und hoch!“
Wir versuchen mit aller Kraft das Schaf hochzuheben. Es wackelt ein bisschen. Mehr passiert aber erst mal nicht. Doch plötzlich macht es ein furchtbares Geräusch.
„Oh, nein! Wie das stinkt!“, ruft Julia, lässt ihren Stock fallen und rennt aus dem Bach. Stinkendes Modergas strömt aus dem Schaf und das riesige Tier fällt in sich zusammen. Mike zieht seinen Spaten aus dem Bauch. Der Spaten sieht aus wie eine tropfende Horrorwaffe.
„Los, wasch das lieber schnell ab“, sage ich und dann wird mir schlecht.
„So geht das nicht“, sage ich, als ich wieder normal atmen kann. „Wir kriegen es niemals aus dem Bach heraus.“
„Wir könnten direkt neben dem Bach eine Grube graben und das Schaf hineinschieben“, schlägt Julia vor.
„Aber die Grube würde doch sofort mit Wasser voll laufen.“
„Na, dann bauen wir zuerst einen Damm und stauen den Bach auf bis wir mit der Grube fertig sind“, sagt Alexander.
Wir laufen los und tragen die großen Steine zusammen, die überall herum liegen. Es dauert eine ganze Weile, bis der Damm hoch genug ist. Keiner sagt ein Wort. Schließlich stehen wir neben dem Bach und beobachten, wie er sich langsam aufstaut. Schon bald liegt das tote Schaf im Trockenen
„Mensch, hab ich Hunger“, stöhnt Mike.
Ich kann nicht glauben, dass er so etwas sagen kann in diesem Gestank und mit dem toten Vieh vor Augen. Aber er breitet mit einem großen Abstand zum Bach, zum toten Schaf und zum Gestank seine Decke aus und lässt sich darauf fallen.
„Also, dass du jetzt essen kannst mit dem toten Schaf neben dran“, sagt Ingo und starrt Mike entgeistert an.
„Wir können uns doch wegdrehen. Kommt Leute! Lasst uns eine Pause machen! Die haben wir uns verdient.“
Mike hat Recht. Wir haben schon mehrere Stunden geschuftet. Und eine Pause wäre nicht schlecht. Mike holt große und kleine Dosen aus seinem Rucksack und öffnet die Deckel. Und da breitet sich ein ziemlich leckerer Geruch aus. Der überdeckt sogar den Mief des toten Schafs. Mike winkt uns zu sich. Und das lassen wir uns dann doch nicht zweimal sagen. Wir setzen uns zu ihm auf die Decke und greifen zu.
Da gibt es plötzlich hinter uns ein plätscherndes Geräusch.
„Mist, der Damm läuft über!“, ruft Ingo mit vollem Mund.
„Wir müssen auf der anderen Seite einen Abfluss bauen“, sagt Alexander. Er ist der Kleinste von uns, aber er hat wirklich die besten Ideen. Bis gestern dachte ich ja, dass er einfach nur ein furchtbarer Streber sei.
Wir springen auf und graben mit den Spaten und den Stöcken eine Rinne vom Staubecken um das Schaf herum in den fast trockenen Bachlauf. Obwohl ich schon Blasen an den Händen habe, grabe ich gleich die Grube für das Schaf weiter. Die anderen machen stumm mit. Es ist einfach zu anstrengend, um etwas zu sagen. Die Spaten wandern reihum und während zwei graben, ruhen sich drei schweigend auf der Decke aus. Am Ende erklärt Alexander die Grube für groß genug. Wahrscheinlich weil uns allen die Hände wehtun. Das Schaf passt aber trotzdem rein. Mit den Stöcken, den Spaten und unseren letzten Kräften schieben wir es in die Grube. Es stinkt. Es stinkt unglaublich. Uns allen ist übel. Julia ist richtig grün im Gesicht. Eigentlich sehen wir alle grün aus. Doch keiner jammert. Auch nicht, als Mike mit dem Spaten noch einmal abrutscht und das Fell noch weiter aufreist. Wir versuchen, nicht auf das herausquellende Schafinnere zu achten und schaufeln nasse Erde auf das modrige Tier bis es ganz bedeckt ist. Zum Schluss legen wir noch einige Steine auf den kleinen Wall.
„Hey“, fällt mir da ein, „hat jemand eine Kamera dabei? Wegen der Präsentation, meine ich.“ Alle schütteln die Köpfe. Niemand hat daran gedacht.
„Nun ist es unter der Erde“, schnauft Mike und wischt sich den Schweiß von der Stirn.
„Das Schaf war sowieso nicht besonders fotogen“, meint Julia und wir müssen ein bisschen grinsen.
Die Sonne steht schon ziemlich tief, die Steine auf dem Wall leuchten und glühen in den orangefarbenen Strahlen.
„Viel Spaß im Schafhimmel“, sagt Julia leise und niemand lacht.

(Julia erzählt):
Blutvergiftung

Als ich am nächsten Morgen aufwache, kann ich mich nicht bewegen. Jeder Knochen, jeder Muskel, einfach alles, alles, alles tut weh. Darum bleibe ich erst einmal liegen, nachdem Mama mich geweckt hat. Irgendwann kommt sie wieder in mein Zimmer, um noch einmal nach mir zu sehen.
„Nanu, mein Schatz, was ist denn los? Der Frühstückstisch ist schon gedeckt.“
„Ich kann mich nicht bewegen. Alles, alles, alles tut mir weh“, wimmere ich.
Mama setzt sich zu mir auf das Bett.
„Na, erzähl mal“, sagt sie und streicht mir über den Kopf.
Gestern hatte sie nämlich nicht mehr hören wollen, warum ich erst kurz vor elf nach Hause gekommen bin. Als ich mit meinem Fahrrad um die letzte Ecke bog, lief sie mir mit verstrubbelten Haaren und offenen Schuhen an den Füßen entgegen. Ich konnte sehen, dass sie geweint hatte und ihre Strickjacke war auch falsch geknöpft. Natürlich musste Frau Bierernst ihre Nase aus der Tür stecken, als wir die Treppen hoch liefen. Als sie jedoch Mamas Gesicht sah, sagte sie nichts, sondern machte die Tür schnell wieder zu. Herr Radetzky saß ganz bleich im Wohnzimmer und sagte ein paar Mal:
„Mensch, Julia, was hast du dir denn dabei gedacht?“
Normalerweise muss ich nämlich um acht Uhr zuhause sein. Aber als ich erzählen wollte, warum es so spät geworden war, ging Mama einfach in ihr Zimmer und schloss die Tür.
„Sie ist vor Sorgen fast verrückt geworden“, erklärte Herr Radetzky „Magst du mir vielleicht erzählen, was los war?“
Und dann erzählte ich Herrn Radetzky die ganze Sache mit dem toten Schaf.
„Und das soll ein Schulprojekt sein?“, fragte er und guckte ein bisschen komisch.
„Na ja, eigentlich schon, aber irgendwie war es wohl doch keins“, sagte ich ganz leise. Dann war Herr Radetzky mit mir ins Bad gegangen und ließ die Wanne voll laufen. Er nahm aus dem Apothekenschränkchen eine kleine Dose und ließ einige Krümmelchen daraus in die Wanne rieseln. Das Wasser färbte sich sofort lila.
„So, es ist besser, du setzt dich jetzt dort hinein und bleibst auch eine Viertelstunde drinnen“, sagte Herr Radetzky und ließ mich alleine.
Ich wollte gar nicht wissen, warum und wieso und was das lilafarbene Zeug war. In der Wanne wäre ich beinahe eingeschlafen. Später im Bett träumte ich von Schafen.
Nun erzähle ich Mama doch noch, dass wir die Projektgruppe gegründet haben und von unserem Treffen bei Rudi. Dass Alexander das Schaf entdeckte und warum wir dachten, es sei wichtig, es zu beerdigen. Mama schaut sich meine Hände an. Die Blasen sind nicht mehr so schlimm.
„Na, das ist ja eine tolle Geschichte“, sagt sie und ich weiß nicht genau, wie sie das meint.
„Die anderen in der Schule werden sich kaputt lachen“, befürchte ich.
„Ach, das glaube ich nicht“, meint Mama, „Das ist doch ein unglaubliches Abenteuer gewesen.“
Dann macht sie so ein komisches glucksendes Geräusch. Ich blicke sie scharf an. Und da lacht sie laut los. Für einen ganz kleinen Moment will ich ärgerlich werden, aber dann lache ich doch mit. Wir lachen so laut, dass Herr Radetzky seinen Kopf zur Tür hereinstreckt.
„Was ist denn hier los? Kommt denn keiner zum Frühstück?“, fragt er.
„Julia hat mir gerade von der Beerdigung des traurigen Schafes erzählt“, sagt Mama.
Da muss Herr Radetzky auch grinsen.
„Ich verspreche euch, dass ich niemals wieder so spät nach Hause kommen werde“, sage ich.
„In Ordnung. Und keine toten Tiere mehr vergraben, einverstanden? Dafür gibt es nämlich ein Amt der Stadt, das sich um so etwas kümmert“, sagt Mama und drückt mich vorsichtig an sich. Das tut zwar weh, fühlt sich aber trotzdem schön an. Obwohl ich mich ein bisschen ärgere. Wir hätten also auch einfach bei einem Amt anrufen können.

Kommentare:

  1. Eigendlich schade, dass es das heute "unmöglich" ist, im Sinne von, das gibt es so nicht mehr. Kaum mehr Schafe auf der Wiese und kein Kaliumpermanganat-Farbzauber im Wasserglas.
    Also unbedingt einen hisorischen Jugendroman um das Kapitel schreiben. Für ein Alter, in dem der Ekelfaktor schön-gruselig ist.
    LG
    Cynthia

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Cynthia, ein historischer Jugendroman ist eine charmante Idee. Lieber Gruß

      Löschen
  2. Liebe Antje,
    wie schade, dass "sowas" nicht geht... dabei würden die Kinder es sicher toll finden! Aber ich wundere mich ja schon drüber, dass ich in Schulbüchern für Bayern keine Schneemänner mit Möhrennase zeichnen darf...
    Finde ich aber einen tollen Weg, es einfach hier zu veröffentlichen :-)
    Liebe Grüße
    Susa

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Susa, das mit der Möhre ist ja ein Ding. Wie lautet denn da die Begründung? Lieber Gruß

      Löschen